Fachleute sollen für die Bedürfnisse der leiblichen Kinder in Pflegefamilien sensibilisiert werden. Dazu hat der Betroffene Stefan Dutler ein Buch geschrieben und erzählt PACH von seinen Erfahrungen.
Wenn sich Menschen dazu entschliessen, einem Kind als Pflegefamilie ein Zuhause zu bieten, müssen sie eine Bewilligung dafür erlangen. Dafür wird eine Eignungsabklärung durchgeführt. «In der Verordnung über die Aufnahme von Pflegekindern (PAVO) steht, dass die Unterbringung eines Kindes in einer Familie das Wohl von anderen Kindern, die in dieser Familie leben, nicht gefährden darf. Damit sind leibliche, aber auch adoptierte Kinder oder andere Pflegekinder gemeint», erklärt Barbara Furrer, Fachmitarbeiterin von PACH. Die Familienkonstellation und die Situation der dort lebenden Kinder müssten also bei der Eignungsabklärung einer Familie berücksichtigt werden.
In der Schweiz gib es keine verlässlichen statistischen Angaben darüber, wie viele Familien Pflegekinder aufgenommen haben. Deshalb ist auch nicht bekannt, wie viele leibliche Kinder betroffen sind. Stefan Dutler (39) war ein leibliches Kind in einer Pflegefamilie. Seine Erlebnisse haben ihn nicht nur dazu gebracht, selbst eine Ausbildung zum Sozialpädagogen zu absolvieren und Pflegefamilien zu begleiten, sondern er hat auch ein Buch zum Thema der leiblichen Geschwister geschrieben.
Eigene Familie als Extremfall
Als Stefan Dutler sechs Jahre alt war, kam ein Halbgeschwisterpaar in seine Familie. Der Junge war vierjährig, das Mädchen ein Säugling. «Ich habe mich gefreut, wollte mit ihnen spielen», erinnert er sich. Doch als Kind könne man nicht abschätzen, welchen Rucksack diese Kinder mitbringen und wie sich die Dynamik in einer Familie verändert. «Damals war die Begleitung der Pflegefamilien noch nicht so wie heute», gibt er zu bedenken.
Das Buch «Zwischen den Welten» hat der Sozialpädagoge vor allem geschrieben, um Fachleute für das Thema zu sensibilisieren. «Die Herausforderung war, von meiner persönlichen Geschichte zu abstrahieren, denn jedes System, jede Familie ist anders und die Dynamik prägt sich unterschiedlich aus», sagt er.
Seine Familie sei ein Extrembeispiel gewesen. Seine Rolle habe er empfunden wie von jemandem, dessen Eltern nicht mehr belastbar sind oder der ein krankes Geschwister habe. «Man ist immer wachsam, analysiert und übernimmt Verantwortung, die eigentlich die Eltern haben – sogenannte Parentifizierung», erklärt Dutler. Neben den Erwartungen – ausgesprochen oder nicht – wolle es ein Kind aber auch selbst gut machen und spüre die Sinnhaftigkeit.
Stefan Dutler beschreibt im Buch unterschiedliche Herausforderungen als leibliches Kind: Viele dieser Kinder fühlen sich nicht gesehen, passen sich an, um das System Familie nicht zu belasten. Dutler erläutert, wie Kinder von Beginn weg einen Transformationsprozess tragen, den sie nicht selbst initiiert haben. Die Eltern wurden auf ihre Aufgabe durch den Vorbereitungskurs und die Gespräche bei der Abklärung vorbereitet, nicht aber die leiblichen Kinder. Manche Eltern versuchen zudem, die Kinder zu schützen, während sie ihre Zeit neu aufteilen müssen. Dadurch erleben die leiblichen Kinder oft einen sogenannten sekundären Bindungsverlust, weil sie gefühlt weniger Aufmerksamkeit erfahren. So ging es auch Stefan Dutler. «Durch die intensive Betreuung der Pflegekinder blieb oft wenig Zeit für Exklusivzeit mit meinen Eltern», erinnert er sich. «Als Kind spürt man die Belastung im System ganz genau. Man versucht dann, eigene Strategien zu entwickeln, um doch gesehen zu werden – oder man nimmt sich vollkommen zurück, um die Eltern nicht noch mehr zu belasten.»

Das Familiensystem blieb aus verschiedenen Gründen extrem gefordert, bis es schliesslich zu einem Abbruch des Pflegeverhältnisses kam. Eine schmerzhafte Phase für alle Beteiligten. «In dieser Krisenzeit fand ich vor allem Halt bei meinen Freunden und meinen Hobbys. Kurz nach dem Lehrabschluss als Fachangestellter Gesundheit brauchte ich erst einmal Abstand und zog aus», erzählt Dutler.
Stefan Dutler hat sich schon im Jugendalter Hilfe gesucht; in Form von Beratung, Coaching und Psychotherapie. «Ich habe in den letzten zwanzig Jahren viele meiner Muster aus dieser Zeit aufgearbeitet. Damals war meine Wut sehr gross. Gerade als der Pflegebruder die Familie verliess, hatte ich das Gefühl, so viel investiert zu haben, und dabei ist nichts herausgekommen. Ich hätte Anerkennung gebraucht, mir gewünscht, dass jemand sagt: Dein Einsatz war nicht umsonst!» Bei Abbrüchen gebe es aber selten ein Ritual oder einen Abschied, sondern es sei oft einfach eine stille Katastrophe.
Wertvoller Austausch mit Eltern
Heute haben der Autor und die Pflegegeschwister eine schöne Beziehung. «Wir haben alle unseren Weg gemacht, alle mit ihrem Rucksack. Wir haben unseren eigenen Raum, etwas Abstand. Und unsere Beziehung ist jetzt freiwillig», sagt er. Leibliche Kinder machen in einer Pflegefamilie komplexe und ambivalente Erfahrungen. Dabei übernehmen sie oft Verantwortung und stellen die eigenen Bedürfnisse hintenan. Dies habe verschiedene Konsequenzen, erläutert Stefan Dutler im Buch: Konfliktvermeidung, Überidentifikation, Rückzugstendenz oder soziale Sensibilität, die zu Vermittler-, Beschützer- und Unterstützerrollen führen können. Dies kann in Paarbeziehungen wie auch in die Berufswahl einfliessen.
Stefan Dutler selbst ist das beste Beispiel dafür, hat er doch auf dem zweiten Bildungsweg Sozialpädagogik studiert und begleitet heute selbst Pflegefamilien. Für die Ausbildung hat er sich intensiv mit seiner Biografie auseinandergesetzt: «In diesem Prozess gab es auch einen wertvollen Austausch mit meinen Eltern. Wir konnten das Geschehene gemeinsam reflektieren», erzählt er. Das habe ihm sehr geholfen, auch wenn die eigenen Verhaltensmuster dadurch nicht von heute auf morgen verschwinden. «Ich habe gelernt, auf Menschen einzugehen. Das hat mir für meine Familie und den Beruf sehr geholfen. Gleichzeitig ist es eine Herausforderung, seine eigenen Bedürfnisse sehen, benennen und ansprechen zu können», weiss der Sozialpädagoge.

Es überrasche ihn bei der Ausübung seiner Arbeit manchmal, dass die Pflegekinderhilfe in Bezug auf die leiblichen Kinder noch nicht weiter sei. In der PAVO stehe zwar, dass die Unterbringung eines Kindes in einer Pflegefamilie das Wohl der leiblichen Kinder nicht gefährden dürfe. Dies werde teilweise sehr offen interpretiert und umgesetzt. Darum komme es sehr auf die einzelnen Mitarbeitenden an, wie sie dies gewichten. «Mein Ziel mit dem Buch ist deshalb, die Fachleute für die Bedürfnisse der leiblichen Kinder zu sensibilisieren. Toll wäre natürlich, wenn es mit der Zeit Austauschgruppen für leibliche Kinder gäbe oder sogar Weiterbildungen wie für die Pflegeeltern. Damit die Kinder gesehen und wertgeschätzt werden und nicht nur für ihre Arbeit einen hohen Preis zahlen», betont er.
BUCH
In seinem Buch «Zwischen den Welten» beschreibt Stefan Dutler die vergessene Perspektive leiblicher Kinder in Pflegefamilien. Selbst wuchs er als ein ebensolches leibliches Kind in einer Familie auf, die Kindern als Pflegefamilie ein Zuhause bot. Diese Kinder bleiben, so seine Erfahrung, oft unsichtbar und ihre Rolle im Familiensystem, ihre Bedürfnisse und Belastungen, werden zu wenig berücksichtigt. Mit seinem Buch will er einen Beitrag dazu leisten, dass diesen Kindern mehr Aufmerksamkeit und Verständnis zukommt. Das Buch zitiert zudem zahlreiche anonymisierte Fallbeispiele, bietet ein umfangreiches Fachglossar und viele Literaturhinweise.
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NACHGEFRAGT BEI BARBARA FURRER, FACHMITARBEITERIN PACH
Wird bei der Auswahl einer Pflegefamilie darauf geachtet, dass leibliche Kinder ungefähr gleich alt sind wie das Pflegekind?
Barbara Furrer: Nein, das lässt sich so nicht sagen. Gemäss PAVO gibt es keine Vorschriften, dass eine Pflegefamilie eigene Kinder haben muss oder soll oder wie das Alter allfälliger leiblicher Kinder berücksichtigt werden soll. Dies sind fachliche Fragen, die es immer im Einzelfall bei der Passung zu klären gilt. Dabei sind das Alter des Pflegekindes und jenes der leiblichen Kinder Kriterien, die berücksichtigt werden müssen.
Was wäre in Bezug auf das Alter die ideale Konstellation bezüglich Geschwister, wenn ein Pflegekind in die Familie kommt?
Dies kann nicht allgemein beantwortet werden. Auch dies ist eine Frage, die immer im Einzelfall geklärt werden muss. Es ist ein grosser Unterschied, ob ein Kind in einer verwandten oder bekannten Pflegefamilie untergebracht wird oder in einer Pflegefamilie, zu der es keine vorbestehende Beziehung gibt.
Bei der Eignungsabklärung einer Familie durch die Behörden können diese in einer Eignungsbestätigung beziehungsweise einer Grundeignungsbestätigung ein Kinderprofil mit Alter definieren oder im Sozialbericht festlegen, für wie alte Kinder sich eine Familie eignet. Dabei werden das Alter leiblicher Kinder und die Familienstruktur berücksichtigt.
Ist das bei allen DAF gleich organisiert?
DAF haben teilweise die interne Regelung oder Empfehlung, dass ein Pflegekind mindestens zwei Jahre jünger als das jüngste Kind der Familie sein soll, um eine «natürliche Geschwisterfolge» zu erlangen. Trotzdem ist meines Erachtens die Passung immer im Einzelfall zu beurteilen und es kann andere wichtige Gründe geben, die stärker zu gewichten sind und es so rechtfertigen, von dieser Empfehlung abzuweichen. Wichtig zu wissen ist, dass es keine solche Vorgabe in der PAVO oder in kantonalen Rechtsgrundlagen gibt.
Wie sollen die leiblichen Kinder auf das Pflegekind vorbereitet werden?
Der Einbezug der leiblichen Kinder ist wichtig, weil sie ja direkt von der Entscheidung der Eltern, Pflegefamilie zu werden, betroffen sind und dies grosse Auswirkungen auch auf ihr Leben hat. Die leiblichen Kinder haben das Recht, einbezogen zu werden (Partizipationsrechte). Es ist die Aufgabe der Eltern, die gerne Pflegefamilien werden möchten, ihre Kinder altersgerecht miteinzubeziehen und deren Bedürfnisse zu berücksichtigen.
Ist das auch Teil des Kurses «Basiswissen für Pflegefamilien»?
Der Einbezug von leiblichen Kindern wird bei PACH im Kurs «Basiswissen für Pflegefamilien» thematisiert. Die Teilnehmenden sind aufgefordert, sich mit ihrer eigenen Familiensituation, den Ressourcen und Belastungen und der Rolle der verschiedenen Familienmitglieder auseinanderzusetzen. Weiter machen sie sich Gedanken zur Rolle und Position, die ein allfälliges Pflegekind einnehmen würde, und reflektieren die möglichen Veränderungen, die auf die ganze Familie zukommen. Zudem überlegen sie sich im Verlaufe des Kurses, zu welchem Kind sie als Familie passen würden (Erstellung eines Kindesprofils), wobei alle Familienmitglieder in die Überlegungen einbezogen werden.
Welche Rolle spielen die Bewilligungsbehörden?
Es ist auch die Aufgabe der Bewilligungsbehörden, die Meinung der leiblichen Kinder von Gesuchstellenden einzuholen und sie in die Eignungsabklärung einzubeziehen. Sie haben das Recht, ihren Willen und ihre Meinung zu äussern.
Worauf müssen Pflegeeltern mit leiblichen Kindern achten, wenn ein Pflegekind in die Familie kommt?
Es ist immer wichtig, dass die Eltern die Bedürfnisse der leiblichen Kinder nicht aus den Augen verlieren und ihnen zugestehen, dass die Aufnahme eines neuen Kindes in die Familie negative Gefühle wie Wut, Enttäuschung oder Eifersucht auslösen kann. Diese Gefühle sollen die Eltern validieren und aushalten können. Weiter kann es hilfreich sein, dass sich die Eltern für die eigenen Kinder bewusst exklusiv Zeit nehmen und auch mal Dinge nur mit einem leiblichen Kind allein unternehmen. Organisationen, die Pflegeverhältnisse begleiten (DAF), können Pflegeeltern auch betreffend die leiblichen Kinder und ihre Rolle im Familiensystem unterstützen und beraten.

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