Viele Lücken entdeckt

26. 01. 2026 | Fokus, Fachwissen, Medientipps | 0 Kommentare

Wie beurteilen Pflegekinder ihre Partizipationsmöglichkeiten? Was sind Merkmale und Bedingungen guter Begleitung? Welchen Einfluss haben Organisationsstrukturen auf Pflegeverhältnisse? Stefan Schnurr und Daniela Reimer erzählen von ihrer interdisziplinären Forschungsarbeit zum eben erschienenen Band «Herausforderungen der Pflegekinderhilfe».

Die Forschung für das Palatin-Projekt sollte Ergebnisse als Erkenntniswerkzeug für die Praxisentwicklung hervorbringen. Was heisst das für die Forschung? Gibt es andere Zugangsweisen, andere Arbeitsweisen, andere Fragestellungen?

Stefan Schnurr: Der Anspruch war, dass die Forschung Ergebnisse generiert, die aus Sicht der Praxis als relevant und nützlich eingestuft werden. Es sollte beschrieben werden, was in diesem System geschieht und wie es strukturiert ist. Wir wollten zeigen, wie als hoch bedeutsam angesehene Aspekte des Geschehens in diesem komplexen Feld realisiert und umgesetzt werden. Die drei Themen waren die aktive Mitwirkung von Pflegekindern, die Begleitung von Pflegeverhältnissen und die Organisationsmodelle in den Kantonen. Dabei wurde durchgängig der Grundsatz der Multiperspektivität beachtet. Wir versuchten, Daten zu generieren, die wiedergeben, wie verschiedene Akteure das Feld wahrnehmen, wie sie die Handlungen, Strukturen sowie Praxen wahrnehmen und einschätzen und wo sie Lücken sehen. Akteure waren in diesem Fall Fachpersonen, aber auch Kinder und Eltern.

Daniela Reimer: Die Stärke des Projekts ist, dass wir sehr viele verschiedene Themenbereiche von Struktur, Partizipation und Begleitung abdecken konnten. Dadurch konnten wir einen wichtigen Ausschnitt abbilden, wie die Praxis aktuell in all diesen Themen ist. Diese Multiperspektivität ist recht einzigartig im Feld der Erforschung der Sozialen Arbeit.

Sie geben in den jeweiligen Kapiteln auch Empfehlungen ab. Stellen Sie so den Praxisbezug her?

Schnurr: Uns geht es nicht darum, in unseren Empfehlungen die Praxis zu instruieren. Wir stellen uns das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis eher so vor, dass diese Felder jeweils ihre eigene Relevanzordnung haben. Und dass die Hochschulen oder die Wissenschaft nicht der Ort sind, in dem die Instruktionen für die Praxis generiert werden. Unsere Empfehlungen haben den Charakter von Vorschlägen. Die Kantone entwickeln ihre Systeme ja weiter. Wir wünschen uns, dass unsere Ergebnisse dabei herangezogen und als relevant und anregend wahrgenommen werden. Hier zeigt sich ebenfalls der Vorteil der multiperspektivischen Forschungsdesigns.

Wie meinen Sie das?

Schnurr: Meistens ist es so, dass die Praktiker und Praktikerinnen in ihren Routinen und unter dem Handlungsdruck die Herausforderungen aus ihrer Perspektive sehr gut kennen. Aber das System wird eben von mehreren Akteurinnen und Akteuren gestaltet. Ein multiperspektivisch arbeitendes Forschungsprojekt bietet in diesem komplexen Feld grosse Chancen. Denn dadurch werden verschiedene Perspektiven, etwa jene von Pflegeeltern, Eltern, Grosseltern, Pflegekindern, von weiteren Fachpersonen und anderen Kantonen ebenfalls sichtbar. Damit bieten die Ergebnisse Möglichkeiten, die Perspektiven zu erweitern und Routinen vielleicht zu überdenken. Wenn es darum gehen soll, das System zu optimieren, müssen die Erfahrungsperspektiven und Verbesserungsvorstellungen aller Systembeteiligten einbezogen werden. Forschung kann hier einen wichtigen Beitrag leisten.

In Ihrer Forschung wurden Lücken sichtbar, so etwa in der Begleitung von Pflegeverhältnissen.

Reimer: Ja, zum Beispiel im Thema Verwandtschaftspflege. In vielen Kantonen gibt es zahlreiche verwandtschaftliche Pflegeverhältnisse, und da gibt es eine grosse Lücke in Bezug auf die Begleitung und Unterstützungsmassnahmen. Auch zwischen den Kantonen zeigen sich wiederum sehr grosse Unterschiede, etwa in der Frage, ob Verwandte die Kinder ohne Entgelt betreuen. Da gibt es auch einen Bedarf an rechtlicher Weiterentwicklung, den wir herausgearbeitet haben. Weiter wurde klar, dass die Herkunftsfamilien in vielen Kantonen die schwächste Position im System haben. Sie werden systematisch übersehen, ja, teilweise eher aussenvorgelassen. Aber in die Begleitung eines Pflegeverhältnisses muss die Perspektive der Herkunftsfamilie, die für die Kinder wichtig ist, ernsthaft miteinbezogen werden. Leider sind dafür oft keine oder zu wenig Ressourcen vorgesehen.

Schnurr: Es fehlt nicht nur an eingespielten und anerkannten Finanzierungswegen, sondern auch an Leistungserbringenden, die das machen und die das Verständnis für die Relevanz der Begleitung dieser Akteursgruppe mitbringen, die ja auch zum Pflegekindersystem gehören und das Erziehungsgeschehen teilweise mitbeeinflussen, auch wenn ihnen gar keine Rolle zugewiesen wird.

Wie steht es mit der Partizipation von Pflegekindern?

Schnurr: Die Kantone haben die Partizipation der Kinder und Eltern bei einvernehmlichen Unterbringungen nicht hinreichend geregelt. Die Mitwirkung bei einer Fremdunterbringung ist aus den Artikeln 9 und 12 der Kinderrechtskonvention ableitbar. Bei Entscheidungen, die eine so grosse Bedeutung für das Leben eines Kindes haben, etwa über Fremdunterbringung, müssen Kinder mitwirken können. Was sie sagen, muss bei der Entscheidungsfindung angemessen berücksichtigt werden, und die Kinder müssen darüber informiert werden, wie ihre Mitwirkungsbeiträge zu einem solchen Entscheidungsverfahren berücksichtigt wurden – vor allem dann, wenn der Entscheid nicht mit den Wünschen des Kindes übereinstimmt. Bei einvernehmlichen ausserfamiliären Unterbringungen gibt es Lücken in den kantonalen Rechtsordnungen, die dringend geschlossen werden müssen – auf der Ebene des geschriebenen Rechts, aber auch auf der Ebene der Entwicklung der Praxis. Denn diese Mitwirkung der Kinder bei Entscheidungen muss methodisch gestaltet werden, sonst läuft sie ins Leere.

Warum klappt es denn mit der Partizipation nicht so gut?

Schnurr: Dass es mit der Partizipation schwierig ist, liegt auch daran, dass Entscheide häufig schnell, unter Druck, oft faktisch mit wenig Wahlmöglichkeiten und wenig Ressourcen gefällt werden müssen. Zudem sind offenbar sehr viele Fachpersonen nicht gut darin ausgebildet, mit Kindern Gespräche zu führen, in denen die Ambivalenzen, die mit solchen Entscheidungen immer verbunden sind, ausgelotet und geklärt werden können. Es gibt viel empirische Evidenz dazu, dass der Erfolg oder die Wirksamkeit von Erziehungshilfen steigt, wenn Partizipation praktiziert wurde und von Kindern und auch Eltern wirklich als Partizipation erlebt wurde.

Weshalb ist die Partizipation denn so wichtig?

Reimer: Damit ein Kind das, was passiert, in die eigene Biografie integrieren kann. Es ist wichtig, dass die Kinder eine eigene für ihre Identität hilfreiche Narration entwickeln können. Was ist mit mir passiert? Konnte ich als Kind teilhaben oder war ich ohnmächtig und wurde von einem Ort zum nächsten geschickt? Es macht einen Riesenunterschied, ob jemand seine Geschichte als eine zusammenhängende erzählen kann oder ob es eine Geschichte von ständigen Abbrüchen ist, die gar keinen roten Faden mehr hat.

Schnurr: Damit werden Prozesse gefördert, die dazu führen, dass ein junger Mensch handlungs- und urteilsfähig wird. Wenn aber in diesen Geschichten so viel erlebte Willkür, Ohnmacht oder Objektivierungserfahrungen drinstecken, dann behindert dies Entwicklungen, die dazu führen, dass ein Mensch sich als ganze, selbstwirksame Person wahrnehmen kann.

Sie haben auch die kantonalen Strukturen verglichen.

Schnurr: Die Unterschiede sind teilweise recht gross. Einen Unterschied sehen wir unter anderem bei der Rolle der Dienstleistungsanbietenden in der Familienpflege (DAF). Sie können Begleitung von Pflegefamilien, aber auch Vermittlung von Pflegefamilien anbieten. Es gibt kantonale Ordnungen, in denen grosse Leistungserbringer ein Gesamtpaket anbieten. Sie suchen Pflegefamilien, stellen sie an oder binden sie vertraglich an sich, suchen geeignete Pflegefamilien aus ihrem Pool und begleiten diese. Daneben gibt es kantonale Strukturen, in denen Pflegeeltern von kantonalen oder regionalen Fachdiensten gesucht werden und DAF übernehmen ausschliesslich die Aufgabe der Begleitung. Hier sehen wir auch grosse Unterschiede zwischen der Deutschschweiz und der Romandie, in der sich solche Gesamtpaket-Modelle bislang kaum etablieren konnten. Über die Wirkungen dieser unterschiedlichen Welten auf das Gelingen von Pflegeverhältnissen wissen wir immer noch zu wenig. Wir wissen aber, dass kantonale Strukturen Unterschiede auf der Ebene von Kontakten zwischen Pflegeverhältnissen und Fachpersonen hervorbringen.

Wie zeigen die sich?

Reimer: Es gibt in der Deutschschweiz Familien, die erhalten einen einzigen Aufsichtsbesuch pro Jahr, oft beschränkt auf eine Stunde. Und dann gibt es andere Pflegefamilien, die eine sehr intensive DAF-Begleitung erhalten, also mehrfach pro Monat besucht werden, und bei denen vielleicht sogar eine individuelle Begleitung für das Kind vorgesehen ist. Das verursacht natürlich riesige Ungleichheiten.

Wäre eine intensivere Begleitung für alle denn wünschenswert?

Reimer: Wir haben auch mit Pflegefamilien gesprochen, die sich bewusst gegen die DAF-Begleitung entschieden haben, weil ihnen das zu intensiv ist oder weil sie an sich den Anspruch stellen, das Projekt Pflegefamilie weitgehend allein leisten zu können. Und wir haben mit Familien gesprochen, die den Eindruck haben, dass eine (zu) intensive Begleitung, die auch mit hohen Ansprüchen einhergehen kann, dazu führt, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Es sind verschiedene Systeme, die auch unterschiedliche Herausforderungen für die Beteiligten mit sich bringen. Aber deutlich wurde, dass Pflegefamilien Fachpersonen brauchen, die sie mit einer gewissen Regelmässigkeit in ihrer anspruchsvollen Aufgabe begleiten.

Was sind für Sie weitere wichtige Ergebnisse?

Schnurr: Es ist deutlich geworden, dass manche Annahmen, die teilweise im Feld herumgeistern und denen wir anfangs teilweise auch gefolgt sind, einfach zu kurz gedacht sind. Ich glaube, was wir durch das Forschungsprojekt leisten konnten, ist, dass wir bei vielen Themen neue offene Fragen aufgezeigt haben und an vielen Stellen auch zu einer höheren Differenzierung gekommen sind. Mit den neuen Projekten der Palatin-Stiftung, die jetzt begonnen haben, geht es dann noch mehr in Richtung Praxisentwicklung.

Reimer: Ich fand eine sehr spannende Erkenntnis in unserem Projekt: Was macht es mit einem Feld, das so unklar strukturiert ist? Wenn nicht deutlich ist, wer an welcher Stelle tatsächlich Entscheidungsmacht hat? Das macht auch die persönlichen Beziehungen komplexer. Wenn viele zuständig sind, bedeutet das immer auch ein erhöhtes Risiko der Diffusion von Verantwortung.

Kann man in der Begleitung eines Pflegeverhältnisses sagen, wer zu welchem Zeitpunkt von wem worin unterstützt werden muss?

Reimer: Was sich auf jeden Fall herausgestellt hat, ist, dass in allen Fällen Übergänge sensible Phasen sind. Damit meinen wir sowohl Übergänge in die und aus der Familie als auch andere biografische Übergänge, in denen sich etwas massiv verändert; wenn das Kind in die Schule kommt oder andere Kinder in die Pflegefamilie hinzukommen. Übergangssituationen bringen Unsicherheiten mit sich, daher brauchen sie besondere Aufmerksamkeit.

Das Ziel Ihrer Forschung ist, die Lebensbedingungen von Kindern in Pflegefamilien zu verbessern. Wo stehen Sie jetzt?

Reimer: Es wurde deutlich, dass verwandtschaftliche Pflegeverhältnisse bisher zu wenig begleitet sind. Deshalb freut es mich, dass die Palatin-Stiftung jetzt sogar zwei Projekte fördert, die sich um das Thema bemühen. Und im Kanton Zürich ganz konkret machen wir gerade eine Befragung von verwandten Pflegefamilien. Ganz ähnlich ist es auch mit dem Thema Herkunftsfamilien. Auch da startet jetzt ein Projekt der Stiftung, in dem erarbeitet wird, wie Herkunftsfamilien besser erreicht werden können.

Sie sind Ihrem Ziel also schon nähergekommen. Gibt es noch viel zu tun?

Reimer: Ich glaube, das Thema ist noch sehr gross. Zum Beispiel die Frage rund um Besuchskontakte. Auf welcher Grundlage wird die Frequenz der Kontakte entschieden oder ob es eine Begleitung gibt? Und wenn es diese gibt, wie wird diese gestaltet? Und wie kann man das gestalten, damit die Kinder davon tatsächlich profitieren? Es gibt Kinder in unserer Gesellschaft, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können. Und wir müssen irgendwie zu Strukturen und Systemen kommen, mit denen wir für diese Kinder gute Bedingungen schaffen können. Darum forsche ich auch immer noch so gerne in diesem Feld, trotz oder wegen aller Komplexität.

Zur Komplexität trägt bestimmt auch unsere föderalistische Struktur in der Schweiz bei. Gibt es Länder mit besseren Strukturen? Ein Vorzeigebeispiel?

Reimer: Wir haben schon seit fast zwanzig Jahren ein internationales Netzwerk zur Pflegekinder-Forschung. Von der Illusion eines Ideals müssen wir uns, glaube ich, verabschieden. In Deutschland gibt es ein bundesweites Kinder- und Jugendhilfegesetz, das im Föderalismus einen Standard setzt, trotzdem gibt es Landkreise, die nebeneinander liegen und die Pflegekinderhilfe völlig unterschiedlich strukturieren und ausstatten. Frankreich hat seit über 20 Jahren alle Pflegefamilien professionalisiert, das heisst, Pflegeeltern gelten als Angestellte, und bezahlt viel Geld für dieses System. Trotzdem erlebt das Land in den letzten Jahren einen akuten Mangel an Pflegefamilien und diskutiert nun wieder darüber, ob man verstärkt nach verwandtschaftlichen Familien suchen müsste. Das System der Briten ist in den letzten 30 Jahren mit vielen privaten Akteuren in der Begleitung immer teurer geworden, was zu grossen Diskussionen führt. Norwegen hat ein System, das einen Übergang von Pflegeverhältnissen in die Adoption ermöglicht. Das hat zu vielen Verfahren geführt, bei denen sich Herkunftseltern an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt haben – und in der Folge zu einem Kurswechsel. Es braucht den internationalen Austausch, damit wir uns der Schwächen des jeweiligen Systems bewusst werden. Wir können voneinander lernen, aber das heisst nicht, dass es sinnvoll und möglich wäre, ein Modell eins zu eins in ein anderes Land zu importieren. Einfache Lösungen scheint es nicht zu geben.

book

LITERATUR: Herausforderungen der Pflegekinderhilfe: Partizipation, Begleitung, Akteure, Strukturen

Die Reihe «Pflegekinderforschung» will dem Aufschwung der Forschung zu Pflegekindern und Pflegefamilien Rechnung tragen. Der Sammelband der Herausgebenden Klaus Wolf, Gaëlle Aeby, Annamaria Colombom Stefan Köngeter, Daniela Reimer und Stefan Schnurr umfasst die ersten Ergebnisse des Projektes «Pflegekinder – next generation» und beleuchtet Studien zu den Themen «Partizipation von Pflegekindern», «Begleitung von Pflegeverhältnissen» und «Vergleich von kantonalen Strukturen der Pflegekinderhilfe».
Kostenloser Download.

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