Wie kann die Diagnostik im stationären Frühbereich auch Pflegeplatzierungen positiv beeinflussen? Dieser Frage geht die Autorenschaft im vorliegenden Fachartikel nach. Dazu diskutiert sie das Vorgehen einer standardisierten und traumasensiblen Abklärung.
Autorenschaft: M. A. Petra Wallnöfer, Klinik für Kinder und Jugendliche der UPK Basel, Dipl. Sozpäd. Manuela Gärtner, Leitung Kinderheim Pilgerbrunnen, PD Dr. Dipl. Psych. Marc Schmid, Leitender Psychologe in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der UPK Basel, MSc Milou Leiting, Doktorandin in der Klinik für Kinder und Jugendliche der UPK Basel
In der Schweiz scheinen die Zahlen und die Notwendigkeit der ausserfamiliären Unterbringung bei jungen Kindern weiter zu steigen (Ungar, 2025). Kinderheime sind, vorwiegend in städtischen Gegenden mit hoher Bevölkerungsdichte, häufig überfüllt, Pflegefamilien sind, gemessen am nötigen Bedarf, rar. Umso entscheidender ist es, bereits in der frühen Phase einer ausserfamiliären Unterbringung abzuklären, welche Bedingungen und Unterstützungsformen es braucht, um dem Kind eine langfristige Perspektive zu ermöglichen, die ein Aufwachsen in einer stabilen Lebenssituation gewährleistet. Ziel ist es, eine förderliche Entwicklung des Kindes sicherzustellen, langfristige Heimaufenthalte zu vermeiden, passgenaue Pflegefamilien zu identifizieren und diese fachlich sowie entlastend zu begleiten. Gleichzeitig soll die Rückkehr des Kindes in die Herkunftsfamilie als gleichwertige und sorgfältig zu prüfende Option immer auch in Betracht gezogen werden.
Es ist, weil Statistiken fehlen, nicht ganz klar, wie viele Kinder und Jugendliche in der Schweiz ausserfamiliär untergebracht sind. Man schätzt, dass im Jahr 2017 zwischen 18 000 und 19 000 Kinder in Pflegefamilien oder in Kinder- und Jugendheimen ausserfamiliär untergebracht waren (Seiterle, 2018). Laut Pflege- und Adoptivkinder Schweiz (PACH) sind rund drei Viertel dieser Kinder in Heimen untergebracht, die restlichen leben in Pflegefamilien. Allein im Jahr 2024 wurden in der Schweiz 4947 Kinder und Jugendliche von den Behörden in Obhut genommen (KOKES, 2024).
Da sich vor allem sehr junge Kinder in einer sensiblen Phase der Bindungsentwicklung befinden, sich in dieser Zeit Bindungsrepräsentationen ausprägen (Ziegenhain et al., 2014) und sie in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung ausserordentlich schnell grosse Schritte machen, ist es zentral, gerade im Frühbereich zeitnah und konsequent zu helfen und zu intervenieren. Vertiefte diagnostische Abklärung der Bedürfnisse des Kindes und daraus resultierende passende Interventionen sowie ein sicheres, den Erfordernissen des Kindes angepasstes Umfeld tragen dazu bei, besonders dramatische Langzeitfolgen bei Kind und (Pflege-)Familie bestmöglich zu vermeiden (Schmid, 2025).
Heim oder Pflegefamilie?
Es darf gar nicht so weit kommen, dass ein Kind aufgrund seiner erlebten traumatischen Erfahrungen im Herkunftssystem durch seine Entwicklungsrückstände oder Verhaltensauffälligkeiten als «nicht tragbar» beschrieben und mit weiteren abrupten Abbrüchen in der Fremdunterbringung konfrontiert wird. Keinem Kind darf die Möglichkeit verwehrt werden, sich in einer förderlichen Umgebung entwickeln und korrigierende Beziehungserfahrungen machen zu dürfen und weitere traumatische Erlebnisse zu vermeiden (Schmid, 2007).
Die Entscheidung, ob ein gefährdetes Kind in einer Pflegefamilie oder in einem Heim untergebracht wird oder wieder in die Herkunftsfamilie zurückkehren kann, ist für die weitere langfristige Entwicklung extrem wichtig und stark von Situation und Ressourcen sowie von der Kooperationsbereitschaft der Herkunftsfamilie abhängig. Diese beiden ausserfamiliären Angebote decken unterschiedliche Bedürfnisse ab (Friedrich & Schmid, 2014). Heime werden in der Forschung der letzten Jahre kritischer betrachtet, weil mehrere zurückliegende Studien zeigen, dass Kinder in stationärer Unterbringung im Schnitt mehr Entwicklungsverzögerungen und eine schlechtere psychische Gesundheit aufweisen als Kinder in Pflegefamilien (Li et al., 2019; van Ijzendoorn et al., 2020).
Umso mehr spielt eine wissenschaftlich fundierte Diagnostik im Heimkontext eine zentrale Rolle. Sie ermöglicht, frühzeitig einzuschätzen, welche Form der ausserfamiliären Unterbringung dem Kind langfristig am besten entspricht: ob eine Pflegefamilie, die eine stabile Ersatzbeziehung bieten kann, oder eine stationäre Unterbringung, wenn die familiären Perspektiven noch unklar sind oder die Rückführung realistisch bleibt. Dadurch können Fehlplatzierungen vermieden, langfristige und tragfähige Lösungen wahrscheinlicher gemacht, kindliche Bedürfnisse präziser erfasst und Unterstützungsangebote – auch für die Herkunftsfamilie – gezielter geplant werden. Demzufolge ist das Ziel dieses Beitrages, den Nutzen einer fundierten Diagnostik im frühen Kindesalter für passgenaue Platzierungsentscheidungen und gezielte Unterstützungsprozesse aufzuzeigen. Diese fusst auf einem umfassenden webbasierten Verfahren aus psychometrischen Instrumenten und spezifisch entwickelten Fragebögen.
Diagnostik auf der Grundlage eines webbasierten Verfahrens
Das Kinderheim Pilgerbrunnen Zürich und die Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel haben gemeinsam ein webbasiertes Verfahren für Kinder bis ca. sieben Jahre entwickelt, das durch Selbst- und Fremdeinschätzungen aller beteiligten Personen in einem Platzierungsprozess Risiko- und Schutzfaktoren eines Kindes und seiner Familie und Umgebung erfasst und ausarbeitet. Ziel dieser diagnostischen Einschätzung ist es, durch eine umfangreiche Anamnese zu Beginn der ausserfamiliären Unterbringung einen Ist-Zustand zu erheben, fortlaufend zu erfassen, welche Entwicklungen und Fortschritte im Verlauf einer Fremdunterbringung bei Kind und Familie beobachtet werden und welche Empfehlungen und Interventionen daraus abgeleitet werden können.
Das Diagnoseverfahren zielt in einer ersten Abklärungsphase darauf ab, explizite Fragestellungen der Fachpersonen und der Behörden zu beantworten und sich im Anschluss zu überlegen, was konkret das Kind und die Familie für eine angemessene und passende Begleitung und Entwicklung brauchen. Dabei ist zentral, ein schlüssiges Narrativ für die Notwendigkeit der ausserfamiliären Unterbringung mit allen Beteiligten und ein stimmiges biografisches Narrativ für das Kind zu erarbeiten, um die dahinterstehenden Gefühle verstehen und versorgen zu können und sie darin zu befähigen, auch schwierige Lebensbedingungen als dazugehörig zu akzeptieren (Lattschar, 2022).
Im Zentrum des diagnostischen Verfahrens steht der multiperspektivische Ansatz: Kind, Eltern und Eltern-Kind-Interaktion beeinflussen sich gegenseitig und können folglich nicht isoliert betrachtet werden, um diagnostische Einschätzungen und Empfehlungen zu erheben. Vielmehr ist es wichtig, diese drei Ebenen durch gezielte Fragebögen im Selbst- und Fremdurteil (Fachpersonen und Eltern) zu analysieren, zu vergleichen und die Ergebnisse für eine passende Hilfeplanung miteinander in Verbindung zu setzen sowie Bedarf zu erkennen.
Das webbasierte Verfahren visualisiert Ergebnisse der einzelnen Fragebögen im Selbst- und Fremdurteil. Anhand dieser Grafiken werden Verläufe und Fortschritte abgebildet und Bedarfe ersichtlich, die für die Berichterstattung genutzt werden können. Des Weiteren können sie für Fachpersonen hilfreich sein, um sich etwa gegenüber Behörden oder Leistungsträgern zu positionieren und um Aussagen in Berichten zu unterstreichen und zu gewichten. Gleichzeitig hat dies den positiven Effekt, wie die Praxiserfahrungen gezeigt haben, Sozialpädagogen und -pädagoginnen in ihrer Fachlichkeit und in ihrer Rolle zu stärken.
Die Testbatterie setzt sich einerseits aus etablierten psychometrischen Instrumenten und andererseits aus Fragebögen zusammen, die eigens für den Frühbereich und ausserfamiliäre Unterbringungen entwickelt wurden. In Tabelle 1 ist ein Überblick über die eingesetzten Fragebögen dargestellt. Neben anderen Instrumenten für Praxis und Forschung sind sie über die Online-Plattform www.equals.ch zugänglich. Diese wurde von der UPK Basel, Klinik für Kinder und Jugendliche (UPKKJ), für Forschungsprojekte entwickelt und wird mittlerweile, ausserhalb des Frühbereiches, von über 50 deutschsprachigen sozialpädagogischen und therapeutischen Einrichtungen zur Unterstützung des Fallverstehens, der Verlaufsdiagnostik und der institutionellen Qualitätssicherung genutzt.

Tabelle 1: Überblick der Testbatterie (multiperspektivischer Ansatz)
Schlussfolgerungen
Eine standardisierte und traumasensible Diagnostikphase im stationären Frühbereich kann wesentlich dazu beitragen, Fremdunterbringungen erfolgreicher und nachhaltiger zu gestalten, wie erste Ergebnisse aus der Praxis bereits zeigen. Durch die strukturierte Erhebung von Risiko- und Schutzfaktoren sowie die multiperspektivische Betrachtung von Kind, Familie, Umfeld und Interaktion lassen sich individuelle Bedürfnisse frühzeitig erkennen und zeitnah passende Unterstützungsangebote ableiten.
Die entwickelte Testbatterie wird aktuell im Rahmen eines Pilotprojekts auf Diagnostikplätzen im Kinderheim Pilgerbrunnen eingesetzt. Perspektivisch könnte eine sozialpädagogische Verlaufsdiagnostik für Kinder zwischen null und etwa sieben Jahren auch im Pflegefamilienwesen einen wichtigen Beitrag zur Qualitätsentwicklung leisten. Pflegefamilienorganisationen hätten dadurch die Möglichkeit, Bedarf frühzeitig zu identifizieren und entsprechende Massnahmen rechtzeitig einzuleiten.
Der Einsatz standardisierter Instrumente unterstützt ein vertieftes Verständnis für bestimmte Situationen oder Verhaltensweisen des Kindes und hilft, den «guten Grund» hinter seinem Handeln zu erkennen. Dadurch kann das ausserfamiliär betreute Kind möglichst zeitnah eine gezielte und passgenaue Förderung erhalten. Gleichzeitig können Fachpersonen klarer einschätzen, welche Art von Elternarbeit im Herkunftssystem notwendig ist, um Pflegeplatzierungen langfristig zu stabilisieren und noch tragfähiger zu machen.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Anwendung der sozialpädagogischen Verlaufsdiagnostik sind allerdings sowohl entsprechende Schulungen für durchführende Fachpersonen – die derzeit angestrebt werden –, als auch ausreichende zeitliche Ressourcen.
Für weiterführende Auskünfte zur sozialpädagogischen Verlaufsdiagnostik im Frühbereich stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung (petra.wallnoefer@upk.ch, www.equals.ch).

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