Stetes Engagement aus Liebe

21. 08. 2026 | Pflegefamilie | 0 Kommentare

Der Sammelband von Michèle Amacker und Tanja Rietmann beschäftigt sich mit ausgewählten Aspekten der Unterbringung von Minderjährigen in privaten Haushalten. Dabei ist es ihnen gelungen, Kontinuitäten herauszuschälen.

Tanja Rietmann, im Titel des Sammelbands sprechen Sie von «aushandeln». Wer handelt im Pflegekinderwesen was aus?

Wir wollten mit dem Begriff ausdrücken, dass nie ohne Weiteres klar ist, was mit «familiärer Fürsorge» gemeint ist – und damit verbunden mit einer «guten Familie». Das muss immer wieder neu ausgehandelt werden. Im Pflegekinderbereich betätigen sich sehr viele Akteurinnen und Akteure. Allerdings haben nicht alle die gleichen Ressourcen und Möglichkeiten, an diesen Aushandlungen teilzunehmen, am wenigsten die betroffenen Kinder und Jugendlichen.

Welche Rollen spielen Macht, Abhängigkeit und emotionale Bindung in diesen Prozessen?

Der Pflegefamilienbereich war und ist von grossen Machtgefällen durchzogen. Auch die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wirkt sich hier zentral aus. Noch immer wird vielfach davon ausgegangen, dass die traditionell weibliche Sorgearbeit selbstverständlich und bis zu einem gewissen Grad unentgeltlich geleistet wird. Die Interviews, die wir mit Pflegeeltern geführt haben, zeigten, dass viele Pflegeeltern trotz zum Teil ungenügender finanzieller und institutioneller Anerkennung an einem Pflegeverhältnis festhalten, weil sie sich dem Kind emotional verpflichtet fühlen. Das ist eine Bindung, auf die sich letztlich auch die Behörden verlassen können.

Warum war die Unterbringung von Kindern im Kanton Bern historisch so stark von privaten Haushalten geprägt, und weshalb gewannen später die Heime an Bedeutung?

Der Kanton Bern hat hier eine besondere Geschichte wegen der sehr grossen Zahl von Verdingkindern, die in privaten Haushalten untergebracht waren. Diese Form der Fremdversorgung ging im Laufe des 20. Jahrhunderts zurück und verschwand schliesslich ganz. Die Grenze zu Pflegekindern war nicht scharf. Pflegefamilien hatten zum Teil einen schlechten Ruf, und es war schwierig, geeignete Pflegefamilien zu finden. Heute sehen wir wiederum eine Bewegung hin zu einer stärkeren Förderung der Familienpflege.

Welche Kontinuitäten konnten Sie finden?

Über lange Zeit erstaunlich stabil sind einige Grundmuster: Pflegelternschaft wird immer wieder als Tätigkeit aus Liebe und persönlichem Engagement verstanden. Dabei wird verkannt, wie komplex diese Betreuungsform ist. Gleichzeitig gibt es einen anhaltenden Mangel an Pflegeeltern. Sowohl in der Geschichte als auch heute findet sich die Rede davon, dass die zu betreuenden Kinder und Jugendlichen «immer schwieriger» würden. Auffällig ist schliesslich, wie wenig in den Pflegekinderbereich investiert wurde und noch immer wird, etwa im Vergleich zum Heimbereich.

Im Buch erwähnen Sie, dass Pflegeeltern wenig erforscht sind. Weshalb?

Das könnte an der gesellschaftlichen Wertung von Pflegeeltern liegen. Es gibt tatsächlich einen grossen Nachholbedarf in der Forschung. Insbesondere, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Pflegeeltern eine für den Schutz von Kindern und Jugendlichen immens wichtige Arbeit leisten, die sie im Dienst des Staats und der Gesellschaft erbringen.

In den 1940er-Jahren wurde die Pflegekinder-Aktion gegründet. Der Fokus lag damals auf der Grossfamilie. Weshalb ging man davon aus, dass die Grossfamilie besser ist?

Die Pflegekinder-Aktion wollte Kinder, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen konnten, vor dem Verdingkindschicksal bewahren. Die Grossfamilie erschien als Mittelweg zwischen Pflegefamilie und Kinderheim: Mehrere Pflegekinder lebten mit einem Pflegeelternpaar und dessen eigenen Kindern zusammen. Dahinter stand die Überzeugung, dass ein «natürliches» Familienleben wichtig war und Kinder nicht als Fremdplatzierte erkennbar sein sollten. Die Pflegekinder-Aktion unterstützte die Grossfamilien organisatorisch und finanziell. Es war ein Reformversuch, der jedoch bald an Grenzen stiess. Vor allem den Pflegemüttern bürdete man ein enormes Pensum auf. Manche Grossfamilien mussten aufgelöst und Kinder umplatziert werden. Die Situation der Grossfamilien blieb finanziell prekär.

2022 trat im Kanton Bern das Gesetz über die Leistungen für Kinder mit besonderem Förder- und Schutzbedarf in Kraft. Das Ziel war, die Kinder- und Jugendhilfe neu zu strukturieren und die Pflegefamilie gegenüber dem Heim aufzuwerten. Sie haben die Situation vor und nach dem Gesetz untersucht. Hat das Gesetz den erwünschten Effekt?

Auf die Situation nach 2022 haben wir vor allem in einer Nachfolgestudie geblickt, die in Kooperation mit dem Kantonalen Jugendamt und der IG Pflegefamilien entstanden ist. Wir haben Pflegeeltern befragt, und da hat sich ein durchzogenes Bild gezeigt. Viele begrüssen, dass mehr Transparenz und einheitlichere Entschädigungen angestrebt werden. Viele sagen aber auch, dass der administrative Aufwand gestiegen ist. Generell hätten sich die Pflegefamilien gewünscht, mehr in den Gesetzgebungsprozess einbezogen zu werden. Wie sich das neue Gesetz langfristig auswirkt, müssten separate Studien zeigen. Wichtig wäre es auch, die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu befragen.

Welche Schlüsse zogen Sie aus dieser Untersuchung?

Wir haben eine Reihe von Handlungsfeldern und notwendigen Massnahmen erarbeitet. Diese beziehen sich zum Beispiel auf den arbeitsrechtlichen Status von Pflegeeltern, etwa in Bezug auf eine verlässliche Regelung der sozialen Absicherung. Weitere Handlungsfelder betreffen den Ausbau von Entlastungsangeboten, die öffentliche Sichtbarkeit von Pflegeelternschaft, mehr Mitsprachemöglichkeiten oder den verbesserten Zugang zu Weiterbildungen.

Zur Studie

info

INFO

Der Sammelband «Familiäre Fürsorge aushandeln. Private und staatliche Akteur:innen in der Pflegekinderbetreuung im Kanton Bern (1880–2020)», der von Michèle Amacker und Tanja Rietmann herausgegeben wurde, beinhaltet acht chronologisch geordnete interdisziplinäre Beiträge, die mit historischen und soziologischen Methoden ausgewählte Aspekte der Unterbringung von Minderjährigen in privaten Haushalten untersuchen. «Mit dieser Herangehensweise wollten wir Kontinuitäten zwischen früher und heute im Pflegekinderwesen herausarbeiten», erklärt Tanja Rietmann. Sechs der Beiträge entstanden im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Fürsorge und Zwang (NFP 76)», zwei entstanden aus Masterarbeiten, die an der Universität Bern eingereicht wurden.
Bestellen Sie das Buch direkt beim Verlag: www.chronos-verlag.ch/node/29222

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert